Seit sieben Wochen habe ich jetzt diese Hüft- und Knochenschmerzen. Der Orthopäde bestätigte allerdings, dass meine Knochen hervorragend in Schuss und keine Verschleißerscheinungen zu sehen sind. Er tippt auf eine systemische Ursache und ist auch meiner Info über die jährlich wiederkehrende Quecksilbervergiftung sehr aufgeschlossen. Doch weiter war ich immer noch nicht. Mein Bauchgefühl sagte mir allerdings, es hängt mit der Vergiftung zusammen. Am 29. sind wir nun zu meiner Dr. Heck in den Münchner Süden gefahren und schon als ich die Treppe hochstieg war ihr erster Kommentar: Borreliose! Bei der einstündigen Behandlung hat sich das bestätigt. Jetzt ist mir klar, warum die Schmerzen kommen und gehen. Und das Beste, sie hatte das selbst auch schon vor einigen Jahren durchgemacht. Die Borrelien sind heimtückische, gemeine Bakterien, die es den Ärzten schwer machen sie zu finden. Ich muss allerdings noch zwei Sitzungen machen, da es nicht so einfach wie mit Quecksilber und Schwermetallen auszuleiten ist. Doch ich kenne nun meinen neuen Feind und habe die hoffentlich beste Behandlung ohne Antibiotika, die meinem Körper meist mehr schaden als nützen. Das ist Glück!
Meinen 70. Geburtstag wollte ich eigentlich in unserem Dorfpub mit Discomusik feiern und richtig abrocken, aber das ging mit diesen Schmerzen leider gar nicht. Außerdem ist der Pub nun dauerhaft geschlossen, was sehr schade ist. Doch Glück für mich, es sollte wohl nicht sein.
70 ist schon was Besonderes – das Gefühl ab sofort die totale Narrenfreiheit zu haben und mit dem Alter kokettieren zu können. Ich konnte mir ein Lächeln an diesem Morgen mit Blick in unseren goldenen Garten nicht verkneifen.

das erste Geschenk
kurz darauf stand meine Nachbarin vor der Tür und brachte mir den besten Geburtstagskuchen der Welt – Windbeuteltorte

solch eine liebevolle Zuneigung in Tortenform zu bekommen ist Glück – und was für eines
ein wunderbarer Blumenstrauß von meiner Bine per Kurier – auch der machte mich glücklich (in der Türkei wurden keine Blumen verschickt)

ich wünschte mir für diesen Tag eine Fahrt nach Passau zum Shoppen und hatte einen Mann an der Seite, der das über Stunden ohne Murren mitgemacht hat – wahres Glück!

dazu ein Zanderfilet in der urigen Peschl-Terrasse direkt an der Donau
und noch ein Haarschnitt in unserem syrischen Friseursalon. Als ich einen besonders guten Schnitt zwecks Geburtstag verlangte, schaute sie mich fassungslos an und sagte: „Ich hab heute auch Geburtstag“. Und so nahm die 70-Jährige die 22-Jährige in den Arm und wir hüpften überwältigt hin und her. Das ist großes Glück.
Am nächsten Morgen sind wir dann zur Saußbachklamm bei Waldkirchen. Da hat der Fischereiverein frischen Zander vom Grill angeboten, der war ein echter kulinarischer Genuss und ich hatte ja noch ein bisserl Geburtstag. So einen Runden muss man schon etwas in die Länge ziehen.

an jeder Ecke wurde uns die herbstliche Natur geboten

man muss einfach nur die Augen für all das Schöne aufmachen
Der Herbst ist nun da, es ist kalt und wir müssen täglich einheizen. Doch wie alle Nachbarn nehmen wir erst mal nur Holz dazu, denn ein Blick auf die Ölpreise lässt uns alle erstarren.
Der Berg „Haidel“ ist direkt bei Grainet, doch immer sind wir einfach vorbei gefahren. An einem Sonnentag sind wir dann endlich die paar Kilometer hochgefahren und dort spazieren gegangen. Ich musste langsam machen, da ich im Moment ein echtes Steiftier bin. Doch die Natur zu erforschen, die lustigen Fliegenpilze, die noch vorhandenen Heidelbeeren und ein echter Steinpilz direkt am Wegrand – das sind die glücklichen Momente. Unsere Vermieter konnten nicht fassen, dass wir den nicht mitgenommen haben. Doch ich bin kein Pilzkenner und ich weiß, dass ich einen anderen Pilzliebhaber glücklich machen konnte – also doppeltes Glück

die Natur ist ein Wunderwerk
Der Winter hält langsam Einzug und unsere Kartoffeln müssen raus

Othmar hat gegraben und ich habe mich samt Knieschützern durch die Erde gewühlt. Gefreut habe ich mich wie ein Kind bei jeder neuen Kartoffel, die ich aus der Erde holen durfte – ganz viel Glück

die Ausbeute nach unserem ersten Sommer hier, sogar die Äpfel kommen noch täglich runter vom Baum
Zwei Konzerte haben wir ebenfalls noch besucht, einmal „Scirocco: Klangwelten zwischen Orient und Okzident“ mit unserem Bassisten Markus Schlesag und der bekannten Flötistin Silvia Denk. Ich wusste bis dahin nicht, dass eine Querflöte so verführisch sein kann. Das musste ich ihr persönlich sagen und sie meinte nur „das liegt an mir“ und lachte.
Eine Woche später dann das Spatzen-Quartett Regensburg. Die Tenöre boten uns vom modernen Pop-Arrangement bis zum Gregorianischen Choral eine gigantische Kostprobe ihres Könnens ohne ein Musikinstrument. Was für ein Glück, dass wir das erleben durften.
Was ist Sucht? Wenn der Zwetschenbaum täglich mit den vielen Früchten in die Küche grüsst, ich zum letzten Mal zum Sammeln gehe

und wieder neue Marmelade und Kompott mache

wenn man sich dann auch noch so darüber freuen kann wie ich – das ist wirklich Glück
Vorbereitung für den Futterplatz unserer Wildvögel – unser Vermieter hat die schönsten Äste dafür gebracht und Othmar hat sie trotz wackeliger Leiter gut befestigt

Es waren turbulente Wochen und wir freuen uns auf die hoffentlich stade Zeit, die jetzt vor der Türe steht. Was das Glück betrifft – ich habe ganz viel davon, auch wenn es mich zwischendurch mal wieder heftig durchbeutelt.
Und wenn Othmar gemütlich nachmittags mal auf der Couch liegt und die beiden Fellnasen sich genussvoll auf ihm niederlassen – was soll ich sagen?

Das ist das größte Glück, diese friedlichen Momente genießen zu dürfen